SCHWERPUNKT: Grüne Gentechnik

Kommunikation als Antwort auf Komplexität

Die anhaltende Skepsis in Teilen der Bevölkerung zur Kultivierung von gentechnisch veränderten Pflanzen in der Landwirtschaft ist auch Folge eines verspäteten Meinungsbildungsprozesses. Dr. Kristina Sinemus und Dr. Alexander J. Stein (Darmstadt) erläutern die Hintergründe.

Mitte der 1990er Jahre wurden die ersten gentechnisch veränderten (GV) Pflanzen großflächig kommerziell angebaut. Zunächst nur in den USA, so werden GV-Pflanzen heute weltweit in 25 Ländern auf insgesamt 134 Millionen Hektar angebaut (siehe Schaubild). Außer in den USA schreitet insbesondere auch in den größeren Entwicklungs- und Schwellenländern Asiens die Entwicklung neuer GV-Pflanzen voran. Bis 2015 wird es Schätzungen zufolge weltweit über 120 neue GV-Pflanzenkombinationen geben – gegenüber aktuell etwa 40. In der Europäischen Union sind zurzeit nur zwei für den Anbau zugelassen.

„Expertendilemma“ verunsichert Laien

Die Gründe, weshalb Landwirte GV-Pflanzen anbauen, sind vielfältig. Je nach GV-Pflanze sind beispielsweise durch pfluglose Bodenbearbeitung Arbeits- und Treibstoffeinsparungen möglich, aber auch Einsparungen von Pflanzenschutzmitteln. Insbesondere durch bessere Schädlingskontrolle können überdies Ertrags- und Einkommenssteigerungen erzielt werden. Somit können GV-Pflanzen auch einen Beitrag zu einer nachhaltigen und ressourcenschonenden Landwirtschaft leisten.

Während der Anbau und die Nutzung von GV-Pflanzen in Ländern wie USA, Kanada oder China mittlerweile alltäglich sind, stieß in Europa der GV-Pflanzenanbau von Anfang an auf eine skeptische Öffentlichkeit. Gute Gründe dafür sind vorhanden. Nicht zuletzt handfeste Skandale bei der Lebensmittelproduktion in der Vergangenheit haben zu dem Wunsch nach „Natürlichkeit“ von Lebensmitteln geführt. Zudem spielen technisch kontrollierbare Risiken bei der öffentlichen Wahrnehmung der Gentechnik nur eine untergeordnete Rolle. Eine rationale und quantifizierbare „Kosten-Nutzen-Abwägung“ gegenüber der Gentechnik wird überlagert von Ängsten, ethischen Bedenken und Missbrauchsbefürchtungen. Diese vorwiegend emotionalen Ablehnungen basieren auf persönlichen Erfahrungen und Lernprozessen und geben häufig den Ausschlag bei der Bewertung insbesondere der „Grünen“ Gentechnik.

Hinzu kommt ein „Expertendilemma“: In der Risikokommunikation von Regierung, Wissenschaft, Industrie und Nichtregierungsorganisationen werden nicht selten widersprüchliche Argumente angeführt, so dass der fachliche Laie kaum in die Lage versetzt wird, einen eigenen Meinungsbildungsprozess zu führen. Ein weiterer Grund ist: Der Mangel an Möglichkeiten, positive Erfahrungen mit GV-Produkten zu sammeln. Der europäische Verbraucher wird seit 1996 mit GV-Verarbeitungsprodukten wie Lecithin oder Öl aus herbizidtoleranten Sojabohnen konfrontiert, bei denen die gentechnische Veränderung keinen direkten Verbrauchernutzen aufweist. Dieser fehlende Alltags- und Nutzenbezug zu den ersten „Vertretern“ der GV-Pflanzen führte daher zu einer weiteren Verunsicherung bei den Verbrauchern.

Großer Informationsbedarf

Eine Übersicht von Verbraucherbefragungen in der EU in den letzten 10 Jahren zum Thema gentechnisch veränderte Organismen (GVOs) zeigt diese Vorbehalte gegenüber GV-Produkten, die jedoch nicht als pauschale Ablehnung zu verstehen sind. Denn nur eine kleine Minderheit hat sich eine abschließende Meinung zu diesem Thema gebildet. Es gibt vielmehr einen großen Informationsbedarf und den klaren Wunsch, dass die Gentechnik persönliche Vorteile schafft: Über die Hälfte der Verbraucher würden GV-Produkte dann kaufen, wenn Umwelt- oder Verbrauchernutzen offensichtlich sind; über drei Viertel der Verbraucher vermeiden GV-Produkte beim Einkauf nicht aktiv. Im Gegenteil, Marktstudien zeigen, dass preisgünstigere GV-Produkte sogar einen dominierenden Marktanteil erreichen würden.

Darüber hinaus haben der fortschreitende Klimawandel und die globale Nahrungspreiskrise vor zwei Jahren einer breiten Öffentlichkeit gezeigt, dass die Nahrungsmittelversorgung nicht als selbstverständlich betrachtet werden kann. Eine stetig wachsende Weltbevölkerung und der zunehmende Bedarf von Rohstoffen bei gleichzeitig abnehmender landwirtschaftlicher Fläche können den gesellschaftlichen Nutzen der Grünen Gentechnik unterstreichen helfen. Auch mittlerweile marktreife GV-Pflanzen mit veränderten Inhaltsstoffen (ungesättigte Fettsäuren, essenzielle Mikronährstoffe) zeigen, welche Potenziale diese Technik besitzt. Über kostengünstige Grundnahrungsmittel kann sie nicht nur bei uns bei der Bekämpfung von chronischen Krankheiten helfen, sondern ggf. auch in ärmeren Ländern einen Beitrag zur Vermeidung von Mangelernährung und deren schwerwiegenden Krankheitsfolgen leisten.

Ehrlicher und ergebnisoffener Dialog

Künftig werden sich also durch eine größere direkte Betroffenheit der Lebenswelten der Verbraucher neue Chancen in der Kommunikation und Informationsvermittlung eröffnen. Dabei gilt es, komplexe wissenschaftliche Fakten im Kontext zu erklären, die Glaubwürdigkeit der Wissenschaftler in der Öffentlichkeit zu festigen und Forschung durch greifbare Beispiele transparenter zu machen. Letztlich wird es weiterhin eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe sein, kontroverse Fragen zu diskutieren. Ein ehrlicher und ergebnisoffener Dialog mit den Verbrauchern ist hierfür Voraussetzung und sollte künftig aktiver und problemorientierter geführt werden. Dabei sind Politik und Wirtschaft in ihre gesellschaftliche Pflicht zu nehmen. Nicht zuletzt der gegenwärtige Vorschlag der Europäischen Kommission, die Entscheidung über den Anbau von GV-Pflanzen an die einzelnen Mitgliedstaaten zu übertragen, macht eine konstruktive Auseinandersetzung auf nationaler Ebene umso dringlicher.

  • Prof. Dr. Kristina Sinemus ist Managing Partner bei ADVICE PARTNERS und leitet die Business-Unit Science Advice
  • Weiterführende Informationen und Quellenverweise unter www.vdl.de, VDL-Journal online, Schwerpunktthemen